Debatte · Analyse

Sieben Minuten Odyssee: Was Musks KI-Serie wirklich zeigt

Grok Imagine hat die erste Folge der KI-Odyssee veröffentlicht und das Making-of gleich nachgeliefert. Die Kritik ist hart, die Zahlen sind bemerkenswert – und beides hat mit dem Film nur zum Teil zu tun.

Monitor eines Schnittplatzes zeigt ein antikes Segelschiff auf dunklem Meer, darunter eine Timeline aus vielen kurzen Videoclips.
Screenshot aus dem Film: Grok Imagine / Wonder Studios, Regie: Dev Walker – „Odyssey“, Episode 1 (X, 23.10.2026)

Im Juli kündigte Elon Musk an, Grok Imagine werde noch vor Jahresende einen abendfüllenden Odyssee-Film produzieren – historisch korrekt und Homers Kunst treu. Am 23. Oktober 2026 erschien das Ergebnis: eine erste Folge mit dem Titel „The Oath“, sieben Minuten und zwölf Sekunden lang. Aus dem Spielfilm ist eine Serie geworden. Vier Tage später folgte das Making-of.

1. Was zu sehen ist

Die Folge erzählt die Vorgeschichte der Odyssee. Odysseus stellt sich zunächst wahnsinnig, um nicht in den Trojanischen Krieg ziehen zu müssen. Die Täuschung fliegt auf, er nimmt Abschied von Penelope und bricht mit der Flotte nach Troja auf. Dazwischen sieht man den heranwachsenden Telemachos. Die Folge endet nach zehn Jahren Krieg: Odysseus hält eine kleine hölzerne Pferdefigur in der Hand. Veröffentlicht wurde sie in 4K auf dem offiziellen X-Account von Grok Imagine: Episode 1 „The Oath“ auf X ansehen.

Produziert hat sie nicht Musk selbst. Beteiligt waren der auf KI-Film spezialisierte Regisseur Dev Walker und Wonder Studios, ein 2025 gegründetes KI-Filmstudio aus London. Die Gründer Justin Hackney und Xavier Collins wollen nach eigenen Angaben das „A24 der KI-Produktion“ aufbauen. Das Studio hat mehr als 15 Millionen Dollar von Investoren eingesammelt, darunter Personen aus dem Umfeld von OpenAI und Google DeepMind. Musk teilte die Folge am selben Abend mit dem Kommentar „Odyssey with Grok Imagine“.

Standbild: Grok Imagine / Wonder Studios, Regie: Dev Walker – „Odyssey“, Episode 1 (X, 23.10.2026)
Screenshot aus dem Film: Grok Imagine / Wonder Studios, Regie: Dev Walker – „Odyssey“, Episode 1 (X, 23.10.2026)

2. Die Zahlen

Die Angaben im Detail:

  • Team: Laut Wonder-Mitgründer Xavier Collins hat ein Kreativteam von drei Personen, Regisseur Walker eingeschlossen, die Folge umgesetzt. Im Making-of spricht Grok Imagine von drei bis fünf Kreativen pro Folge. Forbes nennt neun Beteiligte – möglicherweise das Gesamtteam, bestätigt ist das nicht.
  • Dauer: weniger als zwei Wochen.
  • Kosten: laut Guardian Zehntausende Dollar. Forbes nennt 8.000 Dollar pro Minute; auf 7:12 Minuten gerechnet ergibt das rund 58.000 Dollar. Wie viel davon auf die eigentliche Videogenerierung entfällt, ist offen.
  • Werkzeug: Grok Imagine Video 1.5 erzeugt Clips von höchstens 15 Sekunden. Die Folge ist also aus vielen Einzelclips montiert – rechnerisch mindestens rund dreißig, in der Praxis vermutlich deutlich mehr.
  • Reichweite: Stand 30. Oktober über 8,1 Millionen Aufrufe, rund 4.000 Kommentare und 25.000 Likes auf X.

3. Das Making-of: Was Grok Imagine verrät

Am 27. Oktober veröffentlichte Grok Imagine auf X einen Werkstattbericht mit dem Titel „Inside Episode 1: The Oath“, ausdrücklich als Anleitung gedacht. Regisseur Dev Walker und das Team von Wonder Studios beschreiben darin ihren Ablauf vom Drehbuch bis zum Schnitt.

  1. 01Alles auf eine Fläche: Referenzbilder für Figuren, Orte und Requisiten werden gemeinsam auf dem „Canvas“ von Grok Imagine gesammelt.
  2. 02Look ohne Regienamen: In den Prompts wurde kein Regisseur genannt; als Vorbild für den Bildstil dienten Historienepen der frühen 2000er-Jahre.
  3. 03Kamera beschreiben statt benennen: Bewegungen werden bildhaft umschrieben, etwa als unruhige Handkamera aus dem Schatten eines Türrahmens.
  4. 04Bilder als Leitplanken: Mehrere Referenzbilder geben den Ablauf einer durchgehenden Einstellung vor.
  5. 05Zwischen-Keyframes: Neben Start- und Endbild lässt sich ein weiteres Bild mit genauem Zeitpunkt in die Einstellung setzen.
  6. 06Ton aus demselben Werkzeug: Die meisten Soundeffekte stammen laut Making-of direkt aus Grok Imagine.

Aufschlussreich ist ein Satz zur Vorlage: Neben Homers Text musste das Team nach eigener Darstellung alles andere erfinden, von den Dialogen bis zu den Gesichtern der Figuren. Die Dialoge stammen also vom Team, nicht aus einer literarischen Übersetzung.

Ebenso deutlich ist der erklärte Zweck. Ziel sei, ehrliches, kritisches Feedback von Filmschaffenden zu bekommen und damit die Bild- und Videomodelle von Grok Imagine zu verbessern. Die Episoden würden „öffentlich gebaut“, die kurzen Produktionszeiten sollen schnelles Lernen ermöglichen. Die Odyssee ist damit auch ein öffentlicher Produkttest. Dazu passt ein Wettbewerb, den Grok im August ausgeschrieben hatte: Nutzerinnen und Nutzer sollten eigene Odyssee-Szenen mit Grok Imagine bauen, die Preisgelder lagen bei insgesamt 175.000 Dollar – mehr, als die erste Episode laut Studio gekostet hat.

  • 01Ob die Stimmen synthetisch oder eingesprochen sind, geht aus dem Making-of nicht eindeutig hervor.
  • 02Wie viele Clips generiert und verworfen wurden, wird nicht genannt.
  • 03Woher die Musik stammt, bleibt offen.
  • 04Ob die Rechenleistung zu Marktpreisen eingerechnet ist, ist nicht bekannt – das Werkzeug gehört dem Auftraggeber.

4. Der Vergleich mit Nolan – und warum er hinkt

Der Vergleich liegt nahe, Musk hat ihn selbst gesucht. Christopher Nolans „The Odyssey“ kostete 250 Millionen Dollar, wurde an 91 Tagen in sechs Ländern gedreht und hat 1,8 Milliarden Dollar eingespielt.

Pro Minute gerechnet kostet Nolans knapp dreistündiger Film rund 1,5 Millionen Dollar, die KI-Folge rund 8.000 Dollar – ein Faktor von fast 200. Die Zahl wirkt spektakulär, vergleicht aber einen Kinofilm mit Schauspielern, Drehorten und Kinoauswertung mit einem Online-Clip.

Aussagekräftiger ist der Vergleich mit Serien, die einen ähnlichen Look anstreben. „House of the Dragon“ kostet rund 20 Millionen Dollar pro Folge; bei etwa einer Stunde Laufzeit sind das gut 300.000 Dollar pro Minute. Die erste Staffel von „Die Ringe der Macht“ kam auf gut 58 Millionen Dollar pro Folge. Auch hier liegt die KI-Produktion etwa um den Faktor 40 und mehr darunter.

Am aufschlussreichsten ist das untere Ende des Marktes: Laut Forbes liegt die KI-Odyssee pro Minute unter günstiger, im Ausland produzierter TV-Animation, die 10.000 bis 20.000 Dollar pro Minute kostet.

Ein Realfilm-Look zum Preis von Billig-Animation – das ist die eigentliche Nachricht für die Branche, unabhängig davon, wie man die Folge bewertet.

Zwei Einschränkungen gelten: Die Zahlen stammen vom Studio, das genau diese Art von Produktion verkauft. Und unabhängig überprüfen lassen sie sich derzeit nicht.

5. Was das Publikum sagt

Die Reaktionen unter dem Post und in den Medien sind gespalten.

Gelobt werden vor allem Landschaften, Schiffe und Nahaufnahmen; einzelne Sequenzen wurden als filmisch beschrieben. Ein Teil der Kommentare sieht die Folge als Fortschritt für KI-Video mit viel Luft nach oben. Andere interessieren sich vor allem dafür, wie sie technisch entstanden ist.

Kritisiert werden hölzerne Dialoge und Gesichter, die von Einstellung zu Einstellung nicht gleich bleiben, Stimmen, die nicht zu den Figuren passen, harte Schnitte und ein Plastik-Look der Figuren. Dass die Figuren modernes Englisch sprechen, passt aus Sicht vieler Kommentare schlecht zum Anspruch „historisch korrekt“. Mehrere Rezensenten beschreiben die Folge eher als langen Trailer denn als ausgearbeitetes Kapitel.

Die Fachkritik fällt härter aus als das Publikum. TechCrunch räumt ein, die Folge sei weniger hässlich als erwartet, vermisst aber jede Kunstfertigkeit und menschliches Interesse. Guardian-Kritiker Peter Bradshaw vergibt einen von fünf Sternen und vergleicht die dramatischen Momente mit den Formen eines Bildschirmschoners. Ein Autor von Forbes nennt die Folge laut ORF schlicht furchtbar. Selbst Grok, der Chatbot aus demselben Haus, kam auf Nachfrage von Wired zum Ergebnis, die Folge erfülle keinen strengen historischen Maßstab.

Ein großer Teil der Debatte betrifft allerdings nicht den Film, sondern Musk. Er hatte Nolans Verfilmung wiederholt kritisiert, unter anderem die Besetzung von Lupita Nyong'o als Helena. Viele lesen die KI-Odyssee deshalb als politisches Statement. Wonder Studios widerspricht: Es habe keine Vorgabe für eine „Anti-Woke“-Fassung gegeben, Collins bezeichnet sich als Fan von Nolans Film. Der Auftrag sei gewesen, Stärken und Schwächen der Technik auszuloten.

Die Folge wird damit gleichzeitig als Film, als Produkttest und als Musk-Projekt bewertet. In den Kommentaren lassen sich diese Ebenen kaum trennen.

Nahaufnahme einer Figur  aus dem Film
Screenshot aus dem Film: Grok Imagine / Wonder Studios, Regie: Dev Walker – „Odyssey“, Episode 1 (X, 23.10.2026)

6. Was, wenn niemand „KI“ gesagt hätte?

Diese Frage lässt sich nicht beantworten. Die Folge kam nie ohne Kontext ins Netz: Sie erschien mit Musks Versprechen, im Schatten des Streits um Nolan und mit dem Hinweis „made with Grok Imagine“. Wer sie angesehen hat, wusste vorher, was er sieht – und suchte entweder nach Fehlern oder nach Beweisen.

7. Einordnung: Am richtigen Maßstab gemessen?

Bildlich und filmisch ist die Folge aus meiner Sicht sehr gut gemacht. Über die Geschichte kann man geteilter Meinung sein. Auf Streamingdiensten finden sich real gedrehte Filme, die schwächer sind – so gesehen steht diese Folge vielen anderen nicht nach.

Gleichzeitig wird KI-Film derzeit am höchsten Hollywood-Standard gemessen, und das bei den ersten Versuchen dieser Länge. Zum Teil ist das selbst verschuldet: Wer öffentlich gegen Nolan antritt, wird an Nolan gemessen. Und wer eine Folge ausdrücklich veröffentlicht, um kritisches Feedback einzusammeln, bekommt es auch.

Wonder Studios kündigt an, aus der Kritik zu lernen. Die nächste Folge soll bei der historischen Genauigkeit der Schiffe und beim Tempo nachbessern; Ziel sei, dass die letzte Folge deutlich besser ist als die erste. Wie viele Folgen erscheinen und ob Musks Termin „bis Jahresende“ hält, ist offen.

Wenn in zwei, drei Jahren Drehbücher von erfahrenen Autorinnen und Autoren mit KI umgesetzt werden, dürfte die Rezeption eine andere sein. Dass bildliche Qualität allein noch kein Publikum bringt, zeigt China: „Sanxingdui: Future Past“, das erste vollständig KI-generierte Kinofilmprojekt des Landes, spielte in den ersten vier Tagen rund 180.000 Dollar ein. Die Odyssee hat einen anderen Weg gewählt – gratis auf X, mit Millionen Aufrufen. Ob daraus ein Publikum wird, das auch Folge zwei sehen will, ist die eigentliche Probe.

Die Bilder sind da.

Die Kosten sind gefallen.

Was fehlt, ist ein Grund, bis zum Ende dranzubleiben.