Generative KI verändert den Stockmarkt nicht nur auf der Kundenseite. Während Unternehmen einfache Bilder und Clips zunehmend per Prompt erzeugen, werden die Archive großer Plattformen selbst zu einem wertvollen Produkt: als lizenzierte Trainingsdaten für KI-Modelle. Für Fotograf:innen und Footage-Produzent:innen stellt sich damit eine doppelte Frage: Welche bisherigen Einnahmen fallen weg – und wer profitiert, wenn das eigene Material die nächste Generation von Bildmodellen trainiert?
1. Nicht jedes Stockmotiv ist gleich ersetzbar
Der erste Effekt von Bildgeneratoren ist sichtbar: Motive, die weder Zugang noch dokumentarische Genauigkeit benötigen, lassen sich schnell und günstig synthetisieren. Dazu zählen etwa abstrakte Hintergründe, generische Business-Szenen, idealisierte Lifestylebilder oder einfache Produktwelten.
Für Stock Footage gilt Ähnliches, aber mit einer wichtigen Einschränkung. Ein kurzer KI-Clip kann für ein Moodboard, eine Präsentation oder eine stilisierte Social-Media-Sequenz ausreichen. Er ersetzt jedoch nicht automatisch eine verlässliche Aufnahme eines konkreten Orts, einer realen Person, eines Ereignisses oder eines nachvollziehbaren Arbeitsprozesses.

Nicht das Bild an sich wird knapp. Knapp werden überprüfbare Realität, Zugang und sauber geklärte Rechte.
Die Folgen treffen Produzent:innen deshalb unterschiedlich. Der Stock-Fotograf Artem Firsov berichtete gegenüber Le Monde, dass seine Verkäufe von Unter- und Überwasseraufnahmen seit dem Aufkommen von Midjourney 5 deutlich gesunken seien. Andere dort befragte Produzent:innen warnten zugleich davor, jeden Rückgang allein der KI zuzuschreiben: Kostenlose Bildangebote, frühere Senkungen von Vergütungen und veränderte Suchsysteme der Plattformen beeinflussen den Markt ebenfalls. Eine belastbare, einheitliche Prozentzahl für einen gesamten Markteinbruch gibt es nicht. Le Monde über Stock-Produzent:innen
2. Aus Bildarchiven werden Trainingsdaten
Die großen Stock-Plattformen reagieren nicht bloß defensiv auf KI. Sie bauen ein weiteres Geschäftsfeld auf: Datenlizenzierung.
Shutterstock schloss 2023 eine auf sechs Jahre angelegte Vereinbarung mit OpenAI. Die Lizenz umfasst laut Unternehmen zusätzliches Trainingsmaterial aus Bild-, Video- und Musikbibliotheken samt Metadaten. Das ist mehr als eine klassische Stock-Lizenz für die Verwendung eines einzelnen Bildes in einem Film, einer Anzeige oder einem Schnittprojekt: Das Archiv wird zum Rohstoff, mit dem ein Modell lernt, Bilder und Clips aus Texteingaben zu erzeugen. Shutterstock zur OpenAI-Vereinbarung
Shutterstock beschreibt Datenlizenzierung selbst als Produkt für Unternehmen, die maschinelle Lernsysteme trainieren. Die Datensätze können Bilder, Videos, 3D-Modelle, Musik und Metadaten enthalten. Seit 2023 können Contributors künftige Datenlizenzen über Kontoeinstellungen getrennt für Bild- und Videomaterial ausschließen. Shutterstock zu Datenlizenzen
Auch Getty Images und Adobe setzen auf Modelle, die mit lizenziertem Material arbeiten sollen. Getty erklärt, Contributors für die Einbeziehung ihrer Inhalte in KI-Trainingsdaten und daraus entstehende Dienste zu beteiligen. Adobe zahlt berechtigten Stock-Contributors jährliche Firefly-Boni für Inhalte, die für das Training berücksichtigt wurden. Getty Images, Geschäftsbericht 2025 Adobe zum Firefly-Bonus
3. Die neue Royalty-Frage
Für einzelne Fotograf:innen und Kameraleute klingt eine Beteiligung an Datendeals zunächst nach einer zusätzlichen Einnahmequelle. Entscheidend ist jedoch, wie diese Beteiligung konkret berechnet wird.
Shutterstock gibt an, Contributors im Schnitt mit 20 Prozent der aus Datenlizenzen erzielten Einnahmen zu beteiligen. Der individuelle Anteil richtet sich laut Plattform nach der Menge des eigenen Materials und der Metadaten im jeweils verkauften Datensatz. Die Erlöse werden in einem gemeinsamen Fonds gesammelt und periodisch ausgeschüttet. Shutterstock zum Contributor Fund
Das Modell schafft Beteiligung, löst aber nicht automatisch das Transparenzproblem. Contributors sehen nicht einfach einen einzelnen Download pro verwendetem Bild oder Clip. Vertragswert, Umfang des Datensatzes und die Gewichtung einzelner Assets bleiben außerhalb der Plattform. Damit entsteht ein grundlegender Interessenkonflikt: Die Agentur kann am Verkauf des Archivs als Datenbestand verdienen, während dieselben Inhalte langfristig ein Werkzeug mittrainieren, das die Nachfrage nach generischen Einzel-Lizenzen senken kann.

Bei Adobe ist die Vergütung ebenfalls nicht mit einer klassischen Lizenz pro generiertem Bild gleichzusetzen. Der aktuelle Firefly-Bonus berücksichtigt nach Angaben des Unternehmens sowohl Inhalte, die für das Training infrage kamen, als auch die Zahl der regulären Lizenzen, die diese Inhalte im betreffenden Zeitraum erzeugten. Das ist eine Form der Beteiligung, aber keine öffentlich nachvollziehbare Abrechnung pro Trainingsvorgang oder KI-Ausgabe. Adobe zum Firefly Contributor Bonus
4. Macht eine Lizenz KI-Inhalte automatisch unproblematisch?
Nein. Sie präzisiert die Debatte.
Die pauschale Aussage, jeder KI-Inhalt sei „gestohlen“, ist sachlich zu grob. Wenn eine Plattform über die erforderlichen Rechte verfügt und Trainingsdaten vertraglich lizenziert, unterscheidet sich dieser Fall deutlich vom Scraping urheberrechtlich geschützter Bilder ohne Zustimmung.
Das bedeutet jedoch nicht, dass jede Datenlizenz ethisch oder wirtschaftlich unstrittig ist. Es bleiben drei getrennte Fragen:
- 01Rechtekette: Durfte die Plattform das konkrete Foto oder Footage überhaupt für KI-Training lizenzieren?
- 02Zustimmung: War die Nutzung im Contributor-Vertrag klar geregelt, und gab es eine echte Opt-out-Möglichkeit?
- 03Vergütung: Ist die Beteiligung der Urheber:innen nachvollziehbar und angemessen?
- 04Herkunft: Wurde das betreffende Modell ausschließlich mit lizenzierten Daten trainiert oder auch mit Material unbekannter Herkunft?
Lizenzdeals zwischen Plattformen und KI-Unternehmen legalisieren nicht rückwirkend andere, möglicherweise unlizenzierte Trainingsdatensätze. Sie beantworten auch nicht die Frage, ob die ursprünglichen Contributors über Vertragsumfang und Vergütung ausreichend informiert waren.
In der EU müssen Anbieter allgemeiner KI-Modelle eine Urheberrechtspolitik einrichten und eine Zusammenfassung der für das Training verwendeten Inhalte veröffentlichen. Die Regeln erhöhen Transparenz und stärken die Bedeutung von Rechtevorbehalten. Sie entscheiden aber nicht automatisch über die Rechtmäßigkeit jedes einzelnen Datensatzes oder jeder einzelnen KI-Ausgabe. Europäische Kommission zum AI Act
5. Warum echtes Footage seinen Wert nicht verliert
KI kann Bilder erzeugen, aber keine tatsächlich stattgefundene Situation dokumentieren. Das ist für Film, Werbung, Journalismus und Unternehmenskommunikation relevant.
Ein reales Footage-Archiv besitzt dort einen besonderen Wert, wo die Aufnahme selbst die Aussage trägt: bei historischen Ereignissen, Nachrichten, Sport, authentischen Orten, Maschinen in Betrieb, dokumentierten Produktionsabläufen oder Aufnahmen mit nachvollziehbaren Releases. Auch für Produktionen, die eine konkrete Marke, ein reales Umfeld oder physikalisch glaubwürdige Abläufe zeigen müssen, bleibt Material mit klarer Herkunft ein Sicherheitsfaktor.
Das ist keine Garantie für stabile Einnahmen. Auch hochwertige reale Aufnahmen konkurrieren künftig mit günstigeren synthetischen Alternativen. Aber ihre Position verändert sich: Nicht bloß die Ästhetik wird lizenziert, sondern Glaubwürdigkeit, Rechteklarheit und der Zugang zu einer Realität, die kein Modell nachträglich herstellen kann.
Die angekündigte Fusion von Getty Images und Shutterstock wäre ein weiteres Zeichen dieser Konzentration gewesen. Sie wurde im Juli 2026 jedoch beendet, nachdem die britische Wettbewerbsbehörde einen Verkauf des Shutterstock-Editorialgeschäfts verlangt hatte. Britische Wettbewerbsbehörde zur beendeten Fusion
6. Was Produzent:innen und Filmteams jetzt prüfen sollten
Für Produzent:innen von Stockmaterial wird die Vertragsfrage wichtiger als die reine Upload-Strategie. Wer weiterhin auf Plattformen setzt, sollte klären, ob Bild- und Videomaterial in Datensätze einfließen darf, welche Opt-out-Regeln gelten und wie Einnahmen aus KI-Training ausgewiesen werden.
Für Filmteams wiederum reicht die Frage „Dürfen wir dieses Bild verwenden?“ künftig oft nicht mehr aus. Bei KI-generierten Visuals zählen zusätzlich Herkunft, Kennzeichnung, Marken- und Persönlichkeitsrechte sowie die konkrete Risikoübernahme durch Tool oder Plattform.
- 01Material definieren: Klären, ob dokumentarische Authentizität oder lediglich eine visuelle Idee benötigt wird.
- 02Quelle prüfen: Bei Stockmaterial Lizenz, Releases und zulässige Nutzung kontrollieren.
- 03KI-Einsatz dokumentieren: Bei generierten Bildern oder Clips Tool, Eingaben, Bearbeitung und Freigaben projektintern festhalten.
- 04Rechte absichern: Bei Kampagnen, Filmveröffentlichungen und Kundenproduktionen Vertragsbedingungen und mögliche Freistellungen prüfen.

Die Zukunft von Stock liegt nicht allein in der Frage, ob KI Bilder besser erzeugen kann.
Entscheidend wird, wer über Archive, Rechte und die Regeln der Vergütung verfügt.
Echtes Footage bleibt dort unverzichtbar, wo Herkunft selbst Teil des Werts ist.


